INTERVIEWREIHE #NACHHALTIGERADIOLOGIE

„Auch mit innovativer Software lassen sich Systeme auf den neuesten Stand der Technologie bringen“

In diesem ersten Teil unserer Interviewreihe #NachhaltigeRadiologie zum Thema Nachhaltigkeit in der Radiologie haben wir Aline Mittag, Sustainability Coordinator Market DACH der Philips GmbH Market DACH mit Sitz in Hamburg, dazu befragt, welchen Stellenwert Nachhaltigkeit in dem Unternehmen hat und wie nachhaltig seine Produkte und Dienstleistungen sind.

© Philips GmbHFrau Mittag, wie definieren Sie in Ihrem Unternehmen Nachhaltigkeit? Was sind aus Ihrer Sicht wichtige Arbeits-/Anwendungsbereiche?
Wir fassen unter dem Begriff Nachhaltigkeit soziale, ökologische und ökonomische Aspekte zusammen. Als Unternehmen für Gesundheitstechnologie konzentrieren wir uns auf die drei Bereiche Kreislaufwirtschaft, Klimaschutz und die Verbesserung des Zugangs zu Gesundheitsversorgung.

Welchen Stellenwert hat Nachhaltigkeit in Ihrem Unternehmen und welche Ziele haben Sie für sich im Bereich Nachhaltigkeit definiert?
Der Wandel in ein nachhaltig wirtschaftendes Unternehmen ist eines der wichtigsten Ziele, die sich Frans van Houten, unser CEO, gesetzt hat. Dazu gehört, den CO2-Ausstoß auf ein Mindestmaß zu reduzieren, Energie zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen zu beziehen, Wertstoffe so lange wie möglich im System zu halten und damit Abfall zu vermeiden. Hier beziehen wir auch unsere zuliefernden Unternehmen ein sowie die Nutzerinnen und Nutzer unserer Medizintechnik. Gemeinsam können wir so eine enorme Wirkung erzielen, die einer allein gar nicht erzeugen kann. Um die sozialen Aspekte der Nachhaltigkeit kümmert sich unter anderem unsere Stiftung. Ziel der Philips Foundation ist es, Gesundheitsversorgung in medizinisch unterversorgten Regionen der Welt möglich und, wenn vorhanden, besser zu machen. Wir setzen unser Fachwissen und unsere Produkte und Lösungen ein, arbeiten mit wichtigen Organisationen wie UNICEF, Amref und IKRK zusammen und unterstützen die gemeinsamen Aktivitäten finanziell.

Wie können Kundinnen und Kunden erkennen, wie nachhaltig die Produkte und Dienstleistungen Ihres Unternehmens sind, zum Beispiel hinsichtlich Produktion, Nutzung, Wartung und Entsorgung?
Hier gibt es im Moment leider noch keine einheitliche Aufbereitung dieser Informationen auf dem Markt. Wir haben uns entschieden, für unserer Modalitäten einen EcoPassport zu erstellen. So etwas Ähnliches gibt es in Form des Oeko-Tex-Labels beispielsweise in der Textilindustrie. Er gibt Aufschluss über die Bestandteile der Geräte, von denen einige Auswirkungen auf die Umwelt haben können, den Materialeinsatz, Gewicht und Verpackung, sowie den Energieverbrauch und sein Potenzial, zur Kreislaufwirtschaft beizutragen. Für die meisten unserer Modalitäten wird der EcoPassport aktuell erstellt.

In unserer Interviewreihe zum Thema Nachhaltigkeit in der Radiologie fragen wir Akteurinnen und Akteure aus dem Gesundheitswesen nach ihren Ideen und Strategien für mehr Nachhaltigkeit in ihrem Tätigkeitsbereich. Wir wollen von ihnen auch wissen, wie vor allem die Radiologie nachhaltiger werden kann.

Teil 1: "Auch mit innovativer Software lassen sich Systeme auf den neuesten Stand der Technologie bringen“, Interview mit Aline Mittag, Sustainability Coordinator Market DACH der Philips GmbH Market DACH

Teil 2: „Wir möchten mit den Herstellern ins Gespräch kommen“, Interview mit Professor Andreas G. Schreyer, Institutsdirektor und Chefarzt am Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Universitätsklinikum Brandenburg an der Havel und Dr. Kerstin Jungnickel, Medizinphysikerin am Klinikum Magdeburg

Zum Portfolio Ihres Unternehmens gehören auch radiologische Großgeräte wie etwa CT und MRT. An welchen technischen Lösungen arbeiten Sie, um diese Geräte nachhaltiger zu machen? Stichworte wären hier zum Beispiel Energie, Nachrüstung bestehender Geräte, Lebensdauer von Geräten.
Gerade bei unseren Großgeräten haben wir schon viele Ansätze für eine nachhaltige Nutzung. Die Verlängerung der Lebensdauer ist einer davon, dazu komme ich aber später. Denn wir fangen viel weiter vorne an und lassen Nachhaltigkeitsaspekte in den Designprozess einfließen. Bis 2025 sollen alle neuen Produkte und Dienstleistungen in Übereinstimmung mit den Philips EcoDesign-Anforderungen entwickelt werden. Grundlage hierfür ist das Ermitteln der Umweltauswirkungen in jeder Produktlebensphase, von der Rohstoffgewinnung über die Materialverarbeitung, die Herstellung, den Vertrieb, die Nutzung, die Reparatur und Wartung bis hin zur Entsorgung, zum Recycling oder der Wiederverwendung. Schaut man konkret auf die Phase der Nutzung, sorgen wir dafür, dass Geräte eine lange Lebensdauer haben, indem wir beispielsweise eine kontinuierliche Wartung der Geräte, möglichst remote, anbieten. Geht doch einmal etwas kaputt, tauschen wir idealweise nur Einzelteile aus und Software-Updates sorgen dafür, dass die Systeme immer auf dem neuesten Technologiestand sind. Haben CTs und MRTs dann das Ende ihres Lebens erreicht, bekommen sie ein neues, entweder in Einzelteilen oder als Ganzes. Diese generalüberholten Bildgebungssysteme bieten wir über unser Diamond Select Programm an. Sind nur noch Einzelteile zu nutzen, werden diese entweder anderweitig wiederverwendet oder finden ihren Weg dann zumindest noch über das Recycling wieder zurück in den Wertstoffkreislauf.

In der Medizin und insbesondere in der Radiologie sind die Innovationszyklen sehr kurz. Wie lässt sich der „Innovationszwang“ mit dem Ziel der Nachhaltigkeit vereinbaren?
Sehr gut, denn das eine schließt das andere nicht aus. Damit diese beiden Dinge zukünftig schon stärker Hand in Hand gehen, sind wir die bereits erwähnte EcoDesign-Verpflichtung eingegangen. Wir haben zum Beispiel einen Magnetresonanztomografen entwickelt, der im Betrieb fast ohne Helium auskommt. Helium ist eine der begrenzten natürlichen Ressourcen dieser Erde, aber auch das einzige Kühlmittel, mit dem sich so niedrige Temperaturen erreichen lassen, dass die Magnetspule eines MR-Systems ihre supraleitenden Eigenschaften entfaltet. Wir konnten jetzt den Heliumbedarf dieses MRTs von 1.500 auf sieben Liter reduzieren. Diese Mengen beziehen sich auf die gesamte Betriebsdauer des Systems – vorausgesetzt, der MRT läuft über seine gesamte Lebenszeit fehlerfrei. Aber Innovationen müssen nicht immer zum Tausch eines Gerätes führen. Auch mithilfe von innovativer Software lassen sich Systeme auf den neuesten Stand der Technologie bringen.

Was können wir für nachhaltige Innovationen von Ihrem Unternehmen in den nächsten Jahren erwarten?
Hoffentlich viele. Aber Nachhaltigkeit ist ja so viel mehr als ein nachhaltiges Produkt. Unsere Einstellung und unser Handeln sind mindestens genauso wichtig. Hierbei geht es beispielsweise darum, sich vor einer Neuanschaffung die Frage zu stellen: brauche ich überhaupt ein neues Gerät oder ist es nicht sinnvoller, die Nutzung des bestehenden Geräteparks möglicherweise zu optimieren? Und wenn ja, muss es neu oder kann es auch refurbished, also generalüberholt, sein. Nachhaltige Innovationen sind also das eine. Sie werden aber erst dann wirklich effektiv wirken können, wenn ein ganzheitliches Konzept dahinersteht, das Mitteleinsatz, Technologie und Mensch zusammenführt und mit klaren Zielen hinterlegt ist.


Wir danken Ihnen für das Gespräch, Frau Mittag!